Sonntag, 28. März 2010

Abseits von Gut und Böse

Die Sportschau kürte die gestrige Abseitsentscheidung von Schiedsrichter Lutz Wagner im Spiel Hertha BSC Berlin gegen Borussia Dortmund zum „Pfiff des Tages“:

Die Medien sind sich geschlossen einig, dass der Kopfball von Felipe Santana eine neue Spielsituation einleitet.
Ich bin mir da nicht von vornherein so sicher.
Dass Theofanis Gekas bei der Ballabgabe im Abseits steht, ist unstrittig. Es stellt sich also die Fragen, ob aus dem nicht strafbaren Abseits („passives Abseits“) strafbares („aktives“) wurde.
Zur allgemeinen Auffrischung, hier der Regeltext der Regel 11:
Ein Spieler befindet sich in einer [nicht automatisch strafbaren] Abseitsstellung, wenn er der gegnerischen Torlinie näher ist, als der Ball und der vorletzte Abwehrspieler.
Ein Spieler wird nur für seine Abseitsstellung bestraft, wenn er nach Ansicht des Schiedsrichters zum Zeitpunkt, wenn der Ball einen Mitspieler berührt oder gespielt wird, aktiv am Spielgeschehen teilnimmt, indem er
  • ins Spiel eingreift
  • einen Gegner beeinflusst oder
  • aus seiner Position einen Vorteil zieht.
Wir wissen, dass eine Abseitsstellung von Gekas vorlag. Problematisch ist, ob er eine der drei Voraussetzungen erfüllt.

Weil er den Ball nicht direkt bekommt, scheidet die erste Möglichkeit schon mal aus.

Er könnte Santana beeinflusst haben. Die Regel nennt hier „behindern, täuschen oder ablenken“. Gekas steht doch einige Meter vom Abwehrspieler weg. Santana spielt auch sehr genau und gezielt. Außerdem kam noch ein weiterer Stürmer von hinten, sodass wohl Gekas nicht allein kausal für die Rückgabe war.

Aber er zieht einen Vorteil aus seiner Stellung. Wäre er vorher nicht im Abseits gestanden, wäre er später nicht an die Rückgabe von Santana herangekommen. Dem halten die Medien nun entgegen, Santana würde mit seinem Kopfball eine neue Spielsituation einleiten.
Gegen eine neue Situation sprechen zunächst zwei Dinge:
Erstens der zeitliche Zusammenhang. Es geht sehr schnell. Innerhalb weniger Sekunden zwischen zwei Situationen zu unterscheiden, halte ich für äußerst schwierig.
Außerdem erfährt der Ball keine signifikante Richtungsänderung. Hätte ihn Santana nicht gespielt, wäre er wohl auch so zu Gekas gelangt, welcher dann unzweifelhaft Abseits gewesen wäre.
Jedoch besagt die Regel eindeutig, dass ein Spieler nicht im Abseits steht, „wenn er den Ball direkt [sic!] von einem Gegenspieler zugespielt bekommt“. Und das ist vorliegend zweifelsohne gegeben. Santana wurde nicht in irgendeiner Form angeschossen, sonder spielte den Ball bewusst.
Somit ist von einer neuen Spielsituation auszugehen, wodurch Gekas nicht strafbar Abseits war.

Mit dieser Lösung erhebe ich keinen Anspruch auf Richtigkeit und/oder Vollständigkeit! Es bleibt abzuwarten, wie sich der DFB äußert.
[Edit: Eugen Strigel sieht's genauso]

Aus meiner Sicht lag hier also leider eine Fehlentscheidung vor. So bitter das für Hertha sein mag, bleibt auch zu bedenken, dass der Schiedsrichterassistent für die Überlegungen, die mich doch einige Zeit gekostet haben, nur wenige Sekunden, um nicht zu sagen Bruchteile, hatte. Und ganz ehrlich: Eine Zeit lang, war ich auch der Meinung, die Abseitsentscheidung wäre richtig gewesen. Im Ergebnis überzeugt mich die „neue Spielsituation“ auch immer noch nicht wirklich.

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